Sie sitzt mit der Familie ihres Partners am Tisch. Die Kerzen brennen, es riecht nach Gebäck und Tannennadeln. Alle reden, lachen, schenken sich nach. Und mitten in diesem warmen, schönen Moment taucht plötzlich ein Gedanke auf: Meine Eltern sitzen gerade allein zu Hause.
Dieses Gefühl kennen viele Menschen, die im Ausland leben und Familie in der Heimat haben.
Es meldet sich oft genau dann, wenn eigentlich alles gut ist. Beim Feiern. Beim Zusammensein. In Momenten von Wärme und Nähe. Und plötzlich ist da dieser Gedanke:
„Meine Eltern sind gerade allein.„
In Gesprächen sagen Menschen manchmal:
„Ich glaube, das ist die „Krankheit“ aller, die ihr Land verlassen haben und ihre Eltern nur selten sehen.“
Das Wort klingt hart. Aber für viele fühlt es sich tatsächlich so an. Wie etwas, das immer mitläuft. Selbst in glücklichen Momenten. „Krankheit“ ist vielleicht zu stark. Aber das Phänomen ist real und verbreitet.
Was ist eigentlich dieses „migrantische“ Schuldgefühl?
Das „migrantische“ Schuldgefühl ist nicht dasselbe wie klassische Schuld. Es entsteht nicht durch etwas, das man falsch gemacht hat. Es entsteht durch eine strukturelle Unmöglichkeit: Man kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Man hat sich für ein Leben entschieden. Das Leben im Ausland. Und dieses Leben bedeutet, dass man für ein anderes nicht verfügbar ist.
Diese Schuld ist oft schwer zu erkennen, weil sie sich nicht immer direkt zeigt.
Sie kommt nicht unbedingt als klarer Gedanke wie: „Ich fühle mich schuldig.“ Stattdessen taucht sie anders auf. Als Unruhe bei Familienfeiern des Partners. Als plötzliche Gereiztheit, die man sich selbst kaum erklären kann. Als Gefühl, dass etwas nicht ganz stimmt, obwohl eigentlich alles gut ist. Und manchmal erscheint sie als Körpergefühl: eine Enge in der Brust, ein Zusammenziehen, das man nicht benennen kann.
„Wenn ich an meine Eltern denke, entsteht in mir sofort so ein Gefühl von Leere. Eine andere Leere, die der Stress rund um das Fest überschlägt. Eher etwas Tieferes. Und manchmal merke ich, dass ich genau deshalb nicht so gerne zu diesen Familienfeiern gehe.“
Wissenschaftlicher Hintergrund · Ambivalentes Trauern & ungelöste Verluste in der Migration (Boss, 1999)
Pauline Boss beschrieb das Konzept des ambiguous loss — eines Verlustes ohne klaren Abschluss bzw. uneindeutigen Verlust. Gemeint ist eine Situation, in der jemand emotional fehlt, aber nicht wirklich verschwunden ist. Bei Migranten ist die Familie nicht tot und nicht wirklich fort — sie ist einfach weit weg. Dieser Zustand des „weder ganz da noch ganz weg“ erschwert die emotionale Verarbeitung: Man kann nicht trauern wie bei einem Verlust, aber man kann auch nicht loslassen wie bei echter Präsenz. Das Ergebnis ist ein dauerhaft schwebender emotionaler Zustand, der sich in Schuldgefühlen, Sehnsucht und einer stillen Erschöpfung manifestiert.
Das Paradoxon des Feierns
Besonders stark wird dieses Gefühl an Feiertagen. Nicht zufällig.
Feiertage sind mehr als nur freie Tage oder Traditionen. Sie sind Momente, in denen Familie, Nähe und Zugehörigkeit besonders spürbar werden. Sie vermitteln ein Gefühl von:
Hier ist dein Platz. Hier gehörst du hin. Hier sind deine Menschen. Und genau deshalb spüren viele Migranten an solchen Tagen besonders deutlich, wer fehlt.
Für Menschen, die zwischen zwei Familien leben — einer hier und einer dort — entsteht an solchen Tagen oft ein innerer Konflikt. Man sitzt mit am Tisch, feiert mit, lacht vielleicht sogar. Und gleichzeitig laufen im Hintergrund andere Gedanken mit: „Wie feiern meine Eltern gerade? Feiern sie überhaupt? Oder sitzen sie heute einfach allein zu Hause?“ Dieser Film lässt sich nicht ausschalten. Und er vergiftet nicht das Fest, aber er legt sich wie ein leichter Schatten darüber. Man ist nicht vollständig da, weil ein Teil von einem woanders ist.
Das Schuldgefühl entsteht nicht, weil man etwas Falsches tut. Es entsteht, weil man an zwei Orten gleichzeitig gebraucht wird — und das schlicht unmöglich ist.
Wissenschaftlicher Hintergrund · Transnationaler Familienverband & emotionale Pendeldynamik (Baldassar, 2007)
Baldassar beschrieb, wie Menschen in der Migration emotionale Beziehungen zu weit entfernten Familienmitgliedern aktiv aufrechterhalten — durch Anrufe, Besuche, Geldüberweisungen, aber auch durch ständige mentale Präsenz. Diese emotionale Arbeit ist unsichtbar, aber erschöpfend. Besonders intensiviert sie sich an symbolisch bedeutsamen Momenten wie Feiertagen. Diese Momente sind in beiden Kulturen als Zeiten der Familie definiert. Die Person erlebt eine Art emotionale Pendelung: physisch hier, mental teilweise dort.
Warum man nicht darüber spricht?
Das Bemerkenswerte an diesem Schuldgefühl ist, wie selten es ausgesprochen wird. Nicht einmal mit dem Partner. Nicht einmal mit engen Freunden. Man trägt es still.
Der Grund dafür ist vielschichtig. Einerseits gibt es das Gefühl, dass es nicht berechtigt ist… Man hat sich ja selbst für dieses Leben entschieden! Andererseits ist dieses Thema so groß und funktional kaum lösbar, dass viele gar nicht wissen, wie sie darüber sprechen sollen.
Denn was soll man eigentlich sagen?
„Ich vermisse meine Eltern?“
Das wissen alle. Es ändert nichts. Und dann gibt es noch eine dritte, subtilere Schicht: die Schutzreaktion. Wenn man sich diesem Gefühl wirklich nähert. Wenn man wirklich darüber nachdenkt, wie die Eltern gerade leben, was sie verpassen, was man verpasst — dann tut es sehr weh. Und also schaut man lieber nicht so genau hin.
„Ich merke, dass ich diesen Gedanken oft sofort wegschiebe. Wahrscheinlich, um mich selbst ein bisschen zu schützen.“
Wissenschaftlicher Hintergrund · Emotionaler Vermeidung & Unterdrückung (Gross, 1998)
James Gross unterschied in seiner Emotionsregulationstheorie zwischen kognitiver Umbewertung (aktive Neuinterpretation einer Situation) und Unterdrückung (das Verdrängen des Gefühls selbst). Unterdrückung reduziert den sichtbaren emotionalen Ausdruck, aber nicht die physiologische Aktivierung. Das Gefühl bleibt. Es arbeitet nur im Verborgenen weiter, mit Kosten für Wohlbefinden und Beziehungsqualität. Wer das Schuldgefühl chronisch unterdrückt, spürt es als diffuse Unzufriedenheit, das schwer zu lokalisieren ist.
Wenn beide Themen sich vermischen
Was in Gesprächen über dieses Thema oft deutlich wird: Das Schuldgefühl gegenüber den eigenen Eltern und die Anspannung gegenüber der Familie des Partners sind nicht zwei getrennte Themen. Sie sind miteinander vermischt.
Wenn man mit der Schwiegerfamilie Weihnachten feiert und gleichzeitig denkt:
„Meine Eltern sitzen gerade allein zu Hause“, dann fühlt sich dieser Moment innerlich plötzlich schwer an. Nicht weil mit der Schwiegerfamilie etwas nicht stimmt. Sondern weil genau dort der Schmerz über die eigene Familie bzw. das Vermissen eigener Eltern besonders spürbar wird. Dadurch entsteht manchmal ein innerer Widerstand gegen diese Treffen.
Man denkt vielleicht, man fühle sich dort einfach nicht wohl. In Wirklichkeit fehlt aber oft etwas anderes: die eigene Familie.
Manchmal ist die Unzufriedenheit bei der Schwiegerfamilie kein Problem mit der Schwiegerfamilie. Sondern die Sehnsucht nach den eigenen Eltern, für die es in diesem Moment keinen Platz gibt. ist die Sehnsucht nach der eigenen — die nirgendwo sonst Platz findet.
Einige Gedanken, die helfen können
- Schuldgefühle vieler Migranten zeigen sich oft nicht direkt — sondern als innere Anspannung, Gereiztheit oder das Gefühl, dass etwas fehlt. permanente Unzufriedenheit.
- Besonders an Feiertagen wird dieses Gefühl stark, weil Feiertage Zugehörigkeit und Familie sichtbar machen.
- Die Anspannung bei der Schwiegerfamilie ist manchmal keine Ablehnung der Schwiegerfamilie, sondern die Sehnsucht nach der eigenen Familie.
- Viele sprechen darüber nicht, weil sie niemandem die Stimmung nehmen oder undankbar wirken wollen. Das Gefühl auszusprechen löst nicht sofort das Problem — aber es verhindert, dass es still im Hintergrund weiterwirkt.
- Eigene Traditionen mitzubringen kann helfen, zwischen beiden Welten eine Verbindung zu schaffen.
- Man kann nicht gleichzeitig an zwei Orten sein. Das ist keine persönliche Schuld, sondern Teil vieler Migrationserfahrungen
Das Schuldgefühl gegenüber den Eltern in der Heimat ist keine Schwäche. Oft entsteht es gerade dort, wo viel Liebe und Verbundenheit sind. Und vielleicht wird es etwas leichter, wenn man aufhört, ständig dagegen anzukämpfen oder es vor sich selbst zu verstecken. Darüber zu sprechen verändert nicht sofort die Situation. Aber es kann verhindern, dass dieses Gefühl im Hintergrund das ganze Leben begleitet. Und wenn der Partner versteht, was innerlich passiert, muss man es nicht mehr ganz alleine tragen.
Zum Nachdenken
Gibt es jemanden in Ihrem Leben, mit dem Sie über dieses Gefühl noch nicht gesprochen haben, obwohl es da ist? Was würde passieren, wenn Sie es täten?
Literatur
Verwendete Quellen · „Die stille Schuld der Migrantinnen“
Baldassar, L. (2007). Transnational families and aged care: The mobility of care and the migrancy of ageing. Journal of Ethnic and Migration Studies, 33(2), 275–297.
Boss, P. (1999). Ambiguous loss: Learning to live with unresolved grief. Harvard University Press.
Gross, J. J. (1998). The emerging field of emotion regulation: An integrative review. Review of General Psychology, 2(3), 271–299.
