Zuhause – und trotzdem fremd

Sie lebt seit Jahren im Westen. Die Sprache dort sitzt, der Alltag funktioniert, das Leben hat eine Form angenommen. Aber in schwierigen Momenten, wenn die Bürokratie zermürbt, die Einsamkeit schwer wird, das Fremdsein sich auftürmt, dann beginnt sie, von zuhause zu träumen. Die Leichtigkeit dort. Die Wärme. Die Menschen, die sie einfach kennen, ohne Erklärungen. Die Sprache, die keine Anstrengung kostet. Das Essen, das nach Kindheit schmeckt.

In diesen Momenten erscheint die Heimat wie ein Ort, an dem die Probleme kleiner sind. Überschaubarer. Menschlicher. Sie weiß, dass das vielleicht nicht stimmt aber das Gefühl ist stärker als das Wissen.

Dann kommt der Tag, an dem sie zurückfährt. Und irgendwann in den ersten Tagen z.B. beim Abendessen, im alten Zimmer, mitten in einem vertrauten Gespräch, kommt ein Gefühl, das sie nicht erwartet hat.

Fremdheit.

Kennen Sie das? Diesen Moment, in dem man am vertrautesten Ort der Welt plötzlich merkt: Ich passe hier nicht mehr ganz rein.

Was diese Frau erlebt, ist kein persönliches Versagen. Es ist Re-Entry-Schock. Und er ist, entgegen aller Intuition, für viele Menschen intensiver als der ursprüngliche Kulturschock beim Auswandern. Der Grund ist einfach: Wenn man auswandert, rechnet man mit Schwierigkeiten. Wenn man nach Hause kommt, rechnet man nicht damit.

Wissenschaftlicher Hintergrund · Re-Entry-Schock (Adler, 1981)

In einer Studie mit 200 Unternehmens- und Regierungsangestellten, die nach durchschnittlich zwei Jahren Auslandseinsatz nach Kanada zurückkehrten, zeigte Adler: Die Rückkehr in die Heimat war schwieriger als der ursprüngliche Umzug ins Ausland. Die implizite Annahme,zurück nach Hause zu gehen sei einfach, wurde von den Betroffenen selbst widerlegt. Viele beschrieben die Rückkehr als erschreckend, desorientierend, fast traumatisch. Und das Umfeld verstand es nicht, weil es niemand erwartet hatte.

Das Bild, das man sich gemacht hat

Wenn man lange weg ist, passiert etwas Merkwürdiges mit der Erinnerung. Die Heimat, die man verlassen hat, hört auf, ein echter Ort zu sein und wird zu einem Bild im Kopf. Zu einer Projektion. Das Schwierige verblasst. Das Gute bleibt und wächst.

Die Menschen in der Erinnerung werden wärmer, verständnisvoller, geduldiger als sie sind. Die Eltern werden zu dem idealisierten Bild von Eltern. Das Land wird zu dem Bild von Einfachheit und Menschlichkeit, das man im Westen manchmal schmerzlich vermisst. Früher ist man ins Ausland gefahren wie in den Urlaub und nach Hause zurückgekehrt ins echte Leben, mit seinen echten Problemen. Jetzt ist es umgekehrt. Das Ausland ist der Alltag geworden. Und die Heimat wird zur Urlaubserinnerung. Zum Ort, der in der Vorstellung immer schöner wird, je seltener man dort ist.

Und dann kommt man an. Und trifft auf die wirklichen Menschen. Den wirklichen Alltag. Die wirkliche Enge, die wirklichen Konflikte. Die Herzlichkeit ist ja da, die gibt es. Aber auch den aggressiven Ton, die Kritikunfähigkeit, das Unverständnis. Nichts davon ist böse. Aber es ist nicht das Bild.

Wissenschaftlicher Hintergrund · Nostalgie als Schutzmechanismus (Sedikides & Wildschut, 2006)

Nostalgie ist kein Fehler des Gedächtnisses. Sie ist ein aktiver Schutzmechanismus. In belastenden Situationen greift das Gehirn auf idealisierte Erinnerungen zurück, um Stabilität und Selbstwert zu erhalten. Je größer der aktuelle Stress, desto stärker die Idealisierung. Das Bild der Heimat wächst also genau dann am stärksten, wenn es am schwersten ist draußen, in der Fremde.

Man fährt nicht zurück zu dem Ort, an dem man aufgewachsen ist. Man fährt zurück zu dem Bild, das man sich von diesem Ort gemacht hat. Das sind zwei sehr verschiedene Orte.

Zwei Bilder, die aufeinanderprallen

Gleichzeitig passiert auf der anderen Seite dasselbe. Die Familie hat auch ein Bild von einem behalten, das Bild der Person, die gegangen ist. Vor Jahren, vielleicht vor Jahrzehnten. Sie haben die Veränderungen nicht miterlebt. Die Kämpfe nicht gesehen. Die Nächte nicht, in denen man gelernt hat, wer man ist. Sie kennen die Person von früher. Und unbewusst erwarten sie, sie wiederzusehen.

Wenn man Jahre weg ist, hat man sich in dieser Zeit hundert Mal verändert. Die Familie nicht. Oder anders, in eine andere Richtung, in einem anderen Tempo. Telefonate füllen diese Lücke nicht. Man hört die Stimme, man kennt die Neuigkeiten, aber man kennt nicht mehr die Person. Und die Familie kennt einen auch nicht mehr. Auch dann nicht, wenn beide Seiten glauben, es zu tun.

Was entsteht, ist ein Aufeinandertreffen zweier Bilder, die beide nicht stimmen. Die Rückkehrerin trifft nicht die Familie, die sie sich vorgestellt hat. Die Familie trifft nicht die Person, die sie erwartet hat. Beide sind enttäuscht. Und beide verstehen nicht ganz, warum.

Wissenschaftlicher Hintergrund · W-Kurve & kulturelle Identitätsveränderung  (Gullahorn & Gullahorn, 1963; Sussman, 2000)

Gullahorn und Gullahorn (1963)  beschrieben, dass Rückkehr nicht einfach das Gegenteil von Auswanderung ist, sie löst eine eigene Anpassungskurve aus, mit einem erneuten emotionalen Einbruch. Sussman (2000) zeigte: Je tiefer die kulturelle Identitätsveränderung, desto intensiver der Schmerz bei der Rückkehr. Beide Seiten, die Rückkehrerin und die Familie, halten an einem Bild fest, das nicht mehr der Wirklichkeit entspricht. Der Zusammenstoß dieser zwei veralteten Bilder ist der eigentliche Kern des Rückkehrschmerzes.

Wenn die alte Version wieder aktiviert wird

Es gibt noch etwas, das viele kennen, die nach langer Abwesenheit zurückkehren: Man regrediert. Man wird wieder zu dem Menschen, der man dort war,  bevor man gegangen ist. Alte Reaktionen tauchen auf. Alte Rollen werden aktiviert. Alte Konflikte, die man längst für überwunden hielt, kehren zurück.

Es fühlt sich an wie ein Rückfall. Als wären die Jahre der Arbeit an sich selbst plötzlich nicht gewesen. Psychologische Skripte sind von einer erschreckenden Zähigkeit.  Ein Vergleich, der hart klingt, aber treffend ist:  Die Rückkehr in das alte Umfeld gleicht der Situation eines trockenen Alkoholikers: Man kann Jahre an sich gearbeitet haben, innerlich gefestigt und „nüchtern“ sein, doch kaum betritt man das alte Terrain und trifft auf die vertrauten Trigger, droht der emotionale Rückfall. Ein falscher Satz der Mutter, ein vorwurfsvoller Blick des Vaters, und plötzlich reagiert man wieder wie die trotzige 15-Jährige. In diesem Moment fühlt es sich an, als sei die gesamte Arbeit der letzten Dekaden mit einem Schlag wertlos geworden. Nicht weil die Heimat schlecht ist, sondern weil das System die alten Muster kennt. Weil die Menschen um einen herum dieselben Trigger haben. Weil die Umgebung das alte Nervensystem anspricht, bevor der Verstand eingreifen kann.

Man bemerkt es erst, wenn es passiert ist. Wenn man so reagiert hat wie damals. Wenn man in der Rolle sitzt, die man längst abgelegt hatte.

Das Zuhause erinnert sich an dich, auch dann, wenn du dich nicht mehr an es erinnerst.

Was zu tun ist, wenn man sich zuhause fremd fühlt

  • Den Schock benennen. Allein das Wissen, dass das, was man erlebt, einen Namen hat und gut erforscht ist, kann entlasten. Es ist kein Zeichen von Undankbarkeit. Es ist eine normale Reaktion auf eine außergewöhnliche Veränderung. Man selbst hat sich verändert, das Zuhause auch, nur in verschiedene Richtungen.
  • Die alten Muster beobachten, nicht bekämpfen. Wenn man merkt, dass man wieder in alte Rollen schlüpft, nicht in Panik geraten. Der erste Schritt ist das Erkennen: Das ist ein altes Muster. Das bin nicht ich. Dieser Abstand wächst mit der Zeit. Und mit der Häufigkeit des Kontakts, wer selten zurückkehrt, hat weniger Gelegenheit, die eigenen Trigger zu verstehen.
  • Beide Bilder loslassen. Das idealisierte Bild der Heimat. Und das Bild, das die Heimat von einem hat. Wenn man aufhört, auf das Bild zu bestehen, wird echter Kontakt möglich. Nicht mit der Version, die man sich vorgestellt hat. Sondern mit dem, was wirklich da ist.

Die Frau aus der Eingangsszene wird sich irgendwann nicht mehr fragen, was mit ihr nicht stimmt. Sie wird verstehen, dass das Fremdsein zuhause kein Fehler ist, sondern ein Zeichen, dass sie sich wirklich verändert hat. Dass die Jahre, die sie woanders gelebt hat, Spuren hinterlassen haben. Im Denken, im Fühlen, im Gehirn. Und dass es Zeit braucht, manchmal viel Zeit, um diese neue Person und den alten Ort miteinander bekannt zu machen. Nicht die alte Version. Die echte.

Literatur

Verwendete Quellen · „Zuhause — und trotzdem fremd“

Adler, N. J. (1981). Re-entry: Managing cross-cultural transitions. Group and Organization Studies, 6(3), 341–356.

Gullahorn, J. T. & Gullahorn, J. E. (1963). An extension of the U-curve hypothesis. Journal of Social Issues, 19(3), 33–47.

Sedikides, C. & Wildschut, T. (2006). Nostalgia: Conceptual issues and existential functions. In J. Greenberg et al. (Hrsg.), Handbook of experimental existential psychology (S. 210–224). Guilford Press.Sussman, N. M. (2000). The dynamic nature of cultural identity throughout cultural transitions: Why home is not so sweet. Personality and Social Psychology Review, 4(4), 355–373.

Nach oben scrollen